Multiple Sklerose und Depression

Von J. Grimm, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck

Ca. 5% der Bevölkerung leiden derzeit an einer Depression; ca. jede 4.Frau und jeder 5.Mann erkranken im Laufe des Lebens an einer Depression, und zwar unabhängig von Alter und sozialer Schicht.

Dem gegenüber steht eine schlechte Versorgung depressiv erkrankter Menschen, ein diagnostisches und therapeutisches Defizit ist zu beklagen: Von 4 Mio betroffenen Personen in Deutschland geben sich nur 2,4- 2,8 Mio in hausärztliche Behandlung, das entspricht 60- 70%. Von ihnen werden allerdings nur 1,2 – 1,4 Mio korrekt diagnostiziert (entsprechend 30- 35%). Von den korrekt Diagnostizierten wiederum erhalten nur 400.000 eine adäquate Therapie, das entspricht 10% aller depressiv Erkrankten.

Gründe dafür, dass Depressionen häufig unerkannt bleiben und unzureichend behandelt werden, sind vielfältig. Oft wird die Erkrankung nicht ernst genommen oder Betroffene erkennen die eigene Depression nicht; nicht selten überdeckt eine körperliche Symptomatik die Depression. Insbesondere bei Menschen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind, stehen körperliche Beeinträchtigungen stark im Fokus der neurologischen Behandlung. Werden sie erfolgreich therapiert, wird dies oft gleichgesetzt mit „Behandlungserfolg“- und weitere Diagnostik bzw. Behandlung einer sekundär aufgetretenen Depression bleiben aus. Auch Hausärztinnen fehlen manchmal Wissen und Zeit, um Depressionen abzuklären- es findet kein systematisches Screening statt; auch sogenannte „paramedizinische Bereiche“ wie Beratungsstellen oder Seelsorge übersehen Depressionen.

Gründe für eine unzureichende Behandlung können Vorbehalte Betroffener gegenüber Psychopharmaka ebenso sein wie der Einsatz ungeeigneter Therapien in der Primärversorgung. Viele Betroffenen haben Angst, sich überhaupt in psychiatrische/psychotherapeutische Behandlung zu geben. Auch bei „geeigneter“ Medikation können Fehler auftreten, so dass kein Behandlungserfolg erzielt wird (zu niedrige Dosierung, zu frühes Absetzen der Medikamente u.a.m.). Sind Patienten nur mangelhaft aufgeklärt über psychopharmakologische Therapien, kommt es zu Therapieabbrüchen.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum das Wissen um die Erkrankung Depression, elementar wichtig ist.

Dies gilt ganz besonders auch für MS- Erkrankte, denn die Depressionsrate ist unter MS- Betroffenen deutlich höher als unter Patienten mit anderen neurologischen bzw. chronischen Erkrankungen. Erklärung hierfür kann die Beteiligung hirnorganischer Faktoren sein (Depressionen sind bei MS- Betroffenen mit zerebraler Beteiligung- = Entzündung im Gehirn- häufiger anzutreffen als bei Betroffenen mit rein spinaler Erkrankungsform- = Entzündung im Rückenmark-.). Die Depression kann auch in Folge einer Medikamenteneinnahme auftreten (z.B. bei Kortisol- oder Interferonbehandlung) oder eine Reaktion sein auf das Akutwerden der Erkrankung mit allen daraus resultierenden negativen Konsequenzen auf das soziale Umfeld. Ursächlich können auch eine hormonelle Störung oder beeinträchtigte Regelung des Immunsystems sein.

Die Depression ist eines der häufigsten Symptome bei MS. Bei etwa der Hälfte der Betroffenen, so schätz man aufgrund verschiedener Studien, wird im Laufe des Lebens eine Depression diagnostiziert.

Was ist eine Depression? Ein Zitat einer jungen Frau, die an einer MS und einer Depression erkrankt ist, sei vorangestellt:

„Es ist schwierig Worte zu finden für das, was ich empfinde. Es ist vor allem diese Leere in mir. Nichts zu fühlen, keine Freude, keine Tränen. Ich weiß nicht, was diese Wand, die mich umgibt, durchbrechen könnte. Meine Gedanken kreisen immer nur um mich, dass ich nichts kann, nichts wert bin. Ich habe Schuldgefühle, weil ich anderen zur Last falle mit meiner Art. Bei jedem Schub überlege ich mir, was ich wieder falsch gemacht habe.“.

Eine Depression beeinträchtigt Erkrankte auf drei verschiedenen Ebenen, nämlich Psyche, Körper und Verhalten.

Psychische Symptome sind Niedergeschlagenheit, Gefühl der Sinnlosigkeit, Interessenlosigkeit, verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit, Gefühl der Gefühllosigkeit, negative und pessimistische Zukunftsperspektiven und Suizidgedanken.

Als körperliche Symptome sind z.B. Gewichtsabnahme und verminderter Appetit, Ein- und Durchschlafstörungen sowie Früherwachen, „Morgentief“ und „Abendhoch“, Druck- und Engegefühl im Hals und über der Brust, Schweißausbrüche, Herzklopfen, rheumaähnliche chronische Schmerzzustände, sexuelle Lustlosigkeit, Kraftlosigkeit, fehlende Frische und rasche Erschöpfbarkeit zu nennen.

Eine Depression zeigt sich auch durch verändertes Verhalten, z.B. sozialen Rückzug, psychomotorische Hemmung oder Agitiertheit, eine veränderte Körpersprache, Antriebslosigkeit, Apathie, Suizidankündigungen, Suizidversuche und Suizide.

Wichtiges Kriterium einer Depression ist, dass die Veränderungen nicht nur eine nachvollziehbare vorübergehende Reaktion auf eine äußere Belastung ist (z.B. Diagnosestellung Multiple Sklerose), sondern dass sie eine überdauernde Stabilität über mehrere Wochen und Monate zeigen, ohne dass es zu einer Restabilisierung kommt.

Die Behandlung einer Depression erfolgt in erster Priorität medikamentös und psychotherapeutisch. Hinzukommen können spezielle Behandlungsverfahren wie z.B. Lichttherapie, Schlafentzugsbehandlung, Elektrokrampftherapie. Auch soziotherapeutische Unterstützung gehört zu einem Behandlungskonzept.

60- 80% der Betroffenen kann mit einer Behandlung entsprechend gültiger Richtlinien gut geholfen werden.

Bei leichten und mittelschweren Depressionen zeigen Psychotherapie und Antidepressiva eine vergleichbare Wirksamkeit (bei längerer Wirklatenz der Psychotherapie). Bei schweren und chronischen Depressionen ist eine Kombination aus Psycho- und Pharmakotherapie wirksamer als Psychotherapie alleine. Phasenprophylaxe und Langzeitmedikation sowie Psychotherapie reduzieren das Wiedererkrankungsrisiko. Pflanzliche Mittel (v.a. Johanniskraut) sind nur bei leichten depressiven Erkrankungen sinnvoll. Eine wichtige Information für Betroffene ist, dass Antidepressiva- gegenteilig zu bestehenden Vorurteilen- nicht die Persönlichkeit verändern und nicht abhängig machen! Das heißt, dass keine Dosissteigerung nötig ist und dass keine Suchtgefahr besteht. Zudem ist es wichtig zu wissen, dass Antidepressiva nur leichte bis mittlere Nebenwirkungen verursachen können.

Zum Abschluss jetzt in Kürze die wichtigsten Botschaften zum Thema Depression und Multiple Sklerose:

Depressionen können jeden treffen. Die Depression hat viele Gesichter. Sie darf nicht mit Befindlichkeitsstörung oder Trauer verwechselt werden. Depressionen sind behandelbar. Antidepressiva und Psychotherapie sind Mittel der Wahl.

© 2007 - 2018 MS Kompetenznetz OWL e.V. | Impressum